Zu den A-Tagen in Bremen 2025 wurde ein interessanter Reader produziert und verteilt. Darin ist u.a. unser Redebeitrag zu Anti-Militarismus, den wir auf dem La Via Campesina-Tag 2025 zu zweit abwechselnd gehalten haben.

Anti-Militarismus – Gegen jeden Krieg
Der Krieg von Putins Russland gegen die Ukraine hat auch hier eine gewaltige Kriegs-Propaganda entfacht. Minister Pistorius verlangte, die BRD kriegsfähig zu machen. Jede Kritik an Krieg und Militarismus wurde als Putin-freundlich angegriffen. Teile der Friedensbewegung haben sich recht offen pro-Putin positioniert. Teile der anarchistischen Bewegung haben sich offen auf die Seite der Ukraine gestellt. Beides hat anti-militaristische Positionen geschwächt.
Mit dem Krieg im Nahen Osten gab es weitere Diskussionsverbote. Die BRD fordert bedingungslose Solidarität mit dem Staat Israel ein. Jede Kritik an Israel wurde als anti-semitisch verurteilt.
Die vielen anderen Kriege wurden medial wesentlich vergessen.
Bevor wir uns konkreten Kriegen und ihren Folgen für Landwirtschaft und Hunger zuwenden, sind noch Bemerkungen zum Anti-Militarismus und zu den Folgen jedes Krieges für Menschen und die Grundlagen des Lebens erforderlich.
Um so wichtiger ist es, anti-militaristische Positionen sichtbar zu machen und zu diskutieren. Anti-Militarismus bedeutet, sich zu weigern, eine Kriegspartei zu unterstützen. Es bedeutet Staatlichkeit zu kritisieren. Das was wir heute als Krieg bezeichnen, ist eine Folge der Existenz von Staaten und ihrer Logik von Macht und Herrschaft. Es bedeutet Ware, Geld und Eigentum zu kritisieren. Wer würde Krieg führen, ohne die Möglichkeit weniger Konzerne, aus kriegerischer Zerstörung Reichtum und Macht zu schaffen. Staat, Eigentum und Kapitalismus haben sich in Europa in einem brutalen Prozess der Zerstörung gegenseitig zur Macht verholfen. Raub und Massenmord in der Kolonialisierung hat diesen Prozess Anschub-finanziert. Die Kirchen haben das legitimiert.
Krieg bedeutet immer Massenmord: Die große Zahl der Toten stammt immer aus der Gruppe der in (relativer) Armut lebenden Menschen. Wer Geld hat, entzieht sich meist dem Kampf an vorderster Front.
Krieg bedeutet immer massiv steigende Gewalt an Frauen und an Personen, die nicht binär zugeordnet werden. Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe. Das gilt alles langfristig weit über die Zeit des Krieges hinaus. Denn Krieg militarisiert, verroht, verstümmelt und traumatisiert Soldat*innen und Zivilist*innen. Krieg fördert neben dem Patriarchat immer auch Nationalismus und Rassismus. All das führt nach dem Krieg zu weiterer Gewalt.
Krieg zerstört und vergiftet alle direkt betroffenen Landstriche. Er hinterlässt auf Jahrzehnte u.a. tödliche Landminen und nicht gezündete Bomben im Boden. Bomben mit abgereichertem Uran dienen dazu, Bunker und Panzer zu zerstören. Radioaktive und giftige Stäube bleiben. Kinder spielen z.B. in den Ruinen und Wracks und vergiften sich an den Stäuben.
Krieg – ja bereits Rüstung – bedeutet immer die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde. Rüstung und Krieg verbraucht sehr viel an Rohstoffen und Energie. Das gilt auf allen Ebenen, von den Vorprodukten, der Produktion, dem Antrieb beim Einsatz und in Folge des teilweise notwendigen Wiederaufbaus. Krieg und Rüstung ist ein Klima-Killer. Die Statistiken der Klima-Wissenschaftler*innen sparen das aus. Ja, es gibt nur wenige Teilbereiche Daten darüber.
Krieg und Rüstung verarmen Menschen. Der Aktienwert z.B. von Rheinmetall steigt und steigt. Das Geld wird für Waffen gebraucht. Das Kapital muss gefördert werden. Es wird unter der neuen, kleinen großen Koalition vor allem bei Geflüchteten und bei Hartz-Empfänger*innen gespart. Krieg und Rüstung treibt die Inflation an. Es gibt weniger bezahlbare zivile Waren für das alltägliche Leben.
Der Krieg in der Ukraine
Als Anti-Militarist*innen haben wir keine Sympathie für den Angreifer, Putins Russland. Putin führt ein nach innen und außen extrem gewalttätiges Regime. Russland unterhält mindestens 9 teils faschistische Privat-Armeen. Wir haben auch keine Sympathie für die, die Ukraine unterstützende NATO. Die NATO hat z.B. als Kriegsziel formuliert, Russland durch einen lang-anhaltenden Krieg dauerhaft zu schwächen. Sie wollte von Anfang an also keinen Sieg der Ukraine. Die NATO-Staaten liefern zu wenig Waffen, um den Krieg zu entscheiden. Eine drohende Niederlage könnte Putin als letzten Rettungsring seiner Macht zum Atombomben-Einsatz führen. Die Ukraine führt also einen langen Stellvertreter-Verteidigungskrieg. Trump setzt mit dem Rohstoffabkommen und den Verhandlungen mit Putins Russland noch einen drauf. Er zielt auf eine aufgeteilte, faktisch zur Rohstoff-Kolonie herabgestufte Ukraine. Schon vor Kriegsbeginn unterwarf Selenski, zum Teil von Faschist*innen unterstützt, die Ukraine einer neoliberalen Ausplünderung des Landes. Die anarchistische Gruppe Assembly aus der Frontstadt Charkiv unterstützt u.a. die Selbstorganisation vor Ort und Menschen und die, die aus beiden Armeen desertieren. Für Assembly hat die Ukraine mittlerweile ein ähnlich repressives Regime wie Russland. In den letzten Monaten bilden ins Exil geflohene Ukrainer*innen erste anti-militaristische Gruppen. Unsere Sympathie und Solidarität gilt den Menschen, die unter dem Krieg leiden.
Die neoliberale Politik, insbesondere die Zwangsmaßnahmen von IWF und Weltbank, die Freihandelsvereinbarungen sowie Land- und Sea-Grabbing haben seit den 1980ern in allen Ländern Subsistenz-Strukturen und die Selbstversorgung mit Lebensmitteln zerstört. Das schuf eine Abhängigkeit vom Getreide-Weltmarkt. Auch ohne Kriege ist dieses System schon sehr tödlich.
Die Ukraine hat dabei u.a. die Rolle des Getreide-Versorgers bekommen. Bereits 1990/91 konnte die Agrar-Industrie sich große Teile der landwirtschaftlichen Fläche unter den Nagel reißen. Ab 2018 bis heute wurden weitere Liberalisierungen zugunsten des Großkapitals durchgeführt. Der zweitgrößte Agrar-Konzern der Ukraine ist auch einer der ganz großen in Russland. Einige Länder Afrikas und aus Nahost waren davon zu Kriegsbeginn zu fast 100% abhängig. Der Krieg löste somit regionale Hungersnöte und eine massive, weltweite Teuerung u.a. im gesamten Grundnahrungsmittel-Bereich aus.
Für die Ernte 2024 soll allein durch die Ukraine die Welt-Getreide-Produktion kriegsbedingt um 7,6% niedriger als 2021 sein. Auch der Export von Düngemitteln aus den wichtigen Exportländern Ukraine und Russland ist durch den Krieg massiv eingebrochen. Die Nahrungsmittel-Krise verschärft sich nach Angaben der Welthungerhilfe durch diesen Krieg langfristig.
Der Krieg im Nahen Osten
Als Anti-Militarist*innen haben wir keine Sympathie mit der Hamas. Die islamistische und faschistische Hamas begann diesen Krieg mit widerlichem Massenmord. Unsere Sympathie gilt nicht dem Staat Israel. Die Regierung Netanjahu ist neoliberal und in großen Teilen faschistisch. Sie lässt ihre militärisch hoch überlegene Armee den Gaza-Streifen, die nördliche Hälfte des Libanon oder Teile des syrischen Golan zerstören. Sie lässt religiös-faschistische Siedler*innen im Westjordanland mehr als freie Hand bei der Zerstörung von palästinensischen Dörfern und Olivenhainen. Akteure beider Seiten erklärten mehrfach, die jeweils andere auslöschen zu wollen.
Unsere Sympathie und Solidarität gilt den Menschen, die unter dem Krieg leiden. Insbesondere gilt unsere Sympathie den Gruppen, die sich der rassistischen Zuordnung und Hetze gegen die jeweils anderen verweigern. In den letzten Wochen gab es sowohl im Gaza-Streifen als auch in Israel vermehrt Proteste gegen den Krieg und die eigene Regierung.
Die Region ist sehr wasserarm. Menschen in Jordanien stehen durchschnittlich 220 Liter pro Kopf und Jahr zur Verfügung. Seit dem 1967 gewonnenen 6-Tage-Krieg kontrolliert Israel die Wasserverteilung. In Israel sind es deshalb 370 Liter. Im Gasa-Streifen und im Westjordanland waren es vor dem Krieg 100 Liter. In der BRD sind es 2.600 Liter. Davon sind 126 Liter individueller Trinkwasserverbrauch.
Der Gaza-Streifen ist sehr dicht besiedelt. Viele landwirtschaftliche Flächen und fast die Hälfte aller Brunnen im Gaza-Streifen wurden im Krieg stark geschädigt. Viele der verbliebenen Bäuer*innen haben keinen Zugang zu ihrem Land.3 Ein großer Teil des Wassers und der Agrar-Flächen sind als Kriegsfolge chemisch-toxisch verseucht. Der Folgekrieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon hat ebenfalls massive Folgen. Bis Mitte 2024 sind 150.000 Menschen, davon 2/3 aus dem Süd-Libanon, beiderseits der Grenze geflohen bzw. evakuiert worden. Viele landwirtschaftliche Flächen liegen brach. Die Hunger-Folgen sind hier lokaler begrenzt als im Ukraine-Krieg.
Aus Israel sind 10.000de landwirtschaftliche Arbeiter*innen aus Südost-Asien nach dem Angriff der Hamas im Oktober 2023 geflohen. 39 von ihnen waren beim Angriff der Hamas getötet worden. Israel wirbt seitdem massiv Landarbeiter*innen in Ostafrika an. Beides ist weltweit übliche neo-koloniale Herrschaft.
Der Krieg im Sudan
Der Sudan wurde von 1989 bis 2020 von einer von Islamisten unterstützten Militärdiktatur regiert. Die islamistische, paramilitärische RSF (Rapid Support Forces) wurden schon in der Militärdiktatur al-Bashirs in die Armee integriert. Nach einem neuen Militärputsch bildete sich eine Übergangsregierung. RSF und Armee haben sich durch frühere schwere Kriegsverbrechen hervorgetan. Sie werden von Saudi Arabien (RSF) bzw. von der Türkei und Russland finanziert und mit Waffen unterstützt.
Gegen die Militärdiktatur bildeten sich seit 2018 die Widerstands-Komitees. Sie weiteten sich ab 2020 aus. Damit bildete sich eine breite, teils anarchistische Selbstorganisation von unten.
Der Krieg zwischen beiden Kriegs-Parteien RSF und Armee bann im April 2023. Der Krieg wird vor allem auf dem Rücken der Menschen ausgetragen. Die Selbstorganisations-Strukturen wurden mit den Dörfern und Nachbarschaften zerstört. Bis Juni 2024 wurden 150.000 Menschen umgebracht. 7 Millionen wurden Binnen-Vertriebene, 3 Millionen flohen in die Nachbarländer. Die EU finanziert in einem Migrationsabkommen Ägypten dafür, dass dieses Flüchtlinge ins Kriegsgebiet zurückschiebt. Aktuell sind es 15 Millionen Flüchtlinge und 26 Millionen leiden Hunger. Insgesamt leben ca. 40 Millionen Menschen im Sudan.
„Landwirtschaft ist kaum noch möglich: Felder bleiben unbestellt, Ernten fallen aus, Märkte sind zerstört.“ Die Bäuer*innen, die noch Zugang zu ihrem Land haben, fehlt Saatgut und Dünger, die zuvor importiert wurden. Gerade in Gebieten, die von der RSF kontrolliert werden, gibt es außerdem kaum Zugang zu Wasser.
Der Krieg in Mexiko
Die Politik aller Parteien setzte schon seit langem darauf, Kapital ins Land zu holen und alles Land in Ware zu verwandeln. Für schmutzige Aufgaben gründete der Staat zahlreiche Paramilitär-Gruppen und setzte sie in einem Krieg niederer Intensität u.a. gegen Indigene und Kleinbäuer*innen ein. Das Gewalt-Level ist massiv eskaliert. 2006 erklärte Mexiko den Krieg gegen die Drogenkartelle.
Die Nekropolitik Mexikos steht seitdem exemplarisch für die enge Verbindung von Staat und Mafia-Strukturen, von legaler und illegaler Ökonomie. Es sind neue Formen, in denen die Ausübung tödlicher Gewalt dazu dienen Macht und Kapital akkumulieren. Immer mehr in Armut lebende Jugendliche „fallen den Netzen des Drogenhandels zum Opfer [. …] Sie zerstören ihr Gehirn mit billigen Drogen wie Crystal Meth, werden zu Auftragsmördern und enden als Ermordete.“ 2022 wurde gemeldet, dass seit 2006 in Folge des Narco-Krieges mehr als 300.000 Menschen ermordet und über 70.000 verschwanden. In den zwei Jahren bis 2024 stiegen die Zahlen auf über 450.000 und 100.000. Das Töten bleibt vielfach straffrei. Systematische Folter durch staatliche Strukturen ist Alltag geworden. Die Menschen im ganzen Land werden aus Bündnissen von Drogenkartellen mit staatlichen Strukturen (z.B. Provinz- und Lokal-Regierungen, Polizei- und Militär-Strukturen) in einem Bürgerkrieg terrorisiert. Die Drogen-Kartelle sind auch in anderen Bereichen aktiv, u.a. in der Agrarindustrie.
Die Kartelle bilden oft Unterorganisationen, die versuchen sich als soziale Akteure á la Robin Hood darzustellen. Die neue Bäuer*innen-Bewegung ‚MAIZ‘ z.B. machte mit Blockaden und anderen Direkten Aktionen auf sich aufmerksam. Einige alte Bäuer*innen-Organisationen schlossen sich ‚MAIZ‘ an. Monate später wurde bekannt, dass ‚MAIZ‘ eine Unterorganisation des Drogen-Kartells Jalisco ist. Die Bäuer*innen wurden damit Mitglied des Kartells. Vertreibungen führen immer wieder zur Verminderung landwirtschaftlicher Produktion für regionale Märkte.
Die exzessive Gewalt verroht das Land. Heute gibt es in Mexiko täglich 10 Feminizide. In den ersten 100 Tagen Amtszeit der neuen Präsidentin wurden 1.259 Frauen als vermisst gemeldet.
Trotz der massiven Gewalt durch Kartelle und Staat gibt es in Mexiko weiterhin breiten gewaltfreien und militanten Widerstand.
Abwehrkämpfe gegen die täglichen Zumutungen reichen nicht. Wir brauchen breite Diskussion um Utopien der Befreiung. Wir sind überzeugt, dass die Befreiung vom Geld und Eigentum – Anarchistischer Kommunismus verbunden mit Anarcha*-Feminismus und radikaler Ökologie ein wichtiger Beitrag dazu ist. Und: Wir brauchen von viel mehr Menschen getragene Praxen, die in diese Richtung weisen.
Für die Anarchie,
für
Ernährungssouveränität
und
ein Gutes Leben für Alle, weltweit!